Freitag, 20. April 2012
Seine Hände
Zitternde Hände, treue Diener, ewige Untergebene des unschlüssigen Herzens. Schimmernd von kaltem Schweiß suchen sie in der warmen Hosentasche des Trunkenen nach dem abgegriffenen kleinen Zettel mit den paar schwarzen Zeilen darauf. Er steht allein auf einer Brücke in Leipzig. Wütend versucht er seine Liebe zu fokussieren und ihr gerade ins Gesicht zu sagen sie solle verschwinden, nur kann er sie nicht finden. Sie ist diffus und überall. Vielleicht nach morgen oder gestern gegangen, vielleicht bei ihr. Ihm ist schlecht. Die Welt dreht sich unangenehm. Irgendwo in der Ferne seine Freunde. Er findet den Ohrring in seiner Tasche. „Gut“, denkt er, „gut, dann der Ohrring. Eigentlich fast noch besser!“, und wirft ihn von der Brücke in die einsame nachtkalte Dunkelheit. „Wären wir wenigstens zu zweit gewesen..“, denkt der Ohrring betrübt und ergibt sich mit zarter Traurigkeit seinem Schicksal. Eine Sekunde reichte dem kleinen Funkelchen um zu begreifen, dass er so lange aus falscher Liebe getragen wurde. Furchtbar fühlte er sich, aber auch furchtbar genug um sich wohlwollend der Einsamkeit zu ergeben. So fällt er und verschwindet aus dem Leben des trunkenen Mannes. Ihm ist kalt. Er schaut kurz dem Schmuck hinterher und seine Gedanken schweifen ab. Viele Menschen. Alkohol. Buntes Licht. Hitze. Nähe. Ein Herz auf der Hand, daneben geschrieben: One Love! Märchenhafte, glitzernde Freude, eine fremde Stadt und seine Leute. Ja, seine Leute! Er fühlt sich einen Moment wohl. Dann denkt er an sie und sein großes Herz wird schwer. Achtsam pumpt es den rauschenden Abend durch seine Adern. Es fühlt sich schwer und doch ist es überzeugt von der Richtigkeit seines Vorhabens. Ihm ist bewusst, dass in den Zeilen, die die belasteten, rauen Hände in der Hosentasche suchen sollen, alles steht, wofür es schlägt. Dieses Herz ist eines von jenen, die romantisch überzeugt davon sind, dass sie auch in einem hirntoten Körper weiterschlagen würden. Aufrecht und immer freundlich ist es. Es kann nicht sehen, wenn Menschen traurig sind und würde den schweren Körper des Trunkenen sofort antreiben in den Kampf zu ziehen, wenn es nur irgendwo das tiefe Gute in diesem Mädchen sehen würde. „Findet es!“, schlägt es in die schwitzenden, kalten Hände, „findet es und macht uns frei davon! Findet es!“.
Die einfachen Hände tun mit Bitterkeit, was ihnen gesagt wird. Sie wollen sie berühren, wieder und wieder. Wollen ihr gut tun, wollen ihre zarte Haut fühlen und die Nase will sie riechen. Seine Haut wacht mit einem Wintermorgenschauer auf und bekundet: „Ich will bei ihr sein. Ich will sie wiedersehen und ich will, dass sie mich liebt.“ „Finde es!“, sagt das Herz schwermütig, „ihr müsst es finden!“ Erschauernd fühlen Haut und Hände das Zettelchen und tragen es an die kühle Nachtluft.

Meine Liebe.

In den Worten: die junge, tiefe Liebe eines Menschen zu einem anderen. In seinem Herzen die würgende, tiefdunkle Einsicht, dass es zu oft zu sehr wehgetan hat. Traurig schaut es in die letzten Wochen. Schimmer über einem Mondgesicht. Sanfte Worte und gutes Essen. Spaß und Nähe. Und in der Schönheit die Verletzung, darin der Drang zum Ende. In seinen Händen der mühsam-hoffnungslose Kampf gegen das Kommende, der Wunsch nach Verzeihen und zärtlicher Liebe. Heute, heute sein lassen und gestern, gestern. „Sag nur, verstehst du sie denn gar?“, fragt jemand anders, jemand, der an der Tiefe der Sache durchaus maßgeblich beteiligt war. „Denkst du, du urteilst richtig mein liebes Herzchen?“ „Mit dir rede ich gar nicht.“, antwortet schnippisch das Herz und schaut erschrocken nach unten. Mächtig ist er und mischt er sich ein, so ist es wahrscheinlich, dass Herz und Hirn nicht gewinnen können und die Entscheidung des Mannes zu seinen Gunsten verläuft. „Mach dir keine Mühe, es gibt so viele!“, ruft euphorisch über das ihm bestechend erscheinende Argument das große Herz, das immer weiter den kitzelig, kühlen Rausch durch des Trunkenen Adern pumpt. „Du wirst es nie lernen, mein Herz, nicht wahr? Auch ich kenne Gefühle und Unterschiede! Auch ich weiß von hell und dunkel! Und will ich dein Blut, bekommen ich es.“ Sicherlich wollte das schöne Herzchen, es liebte sie ja so, nichts Böses. Es wollte nur nutzen, dass das Zentrum im Rausch war, dass schlecht integriert werden konnte. Es wollte nutzen, dass alle miteinander reden konnten. Es wollte endlich tun, wovon es so lange träumte und was dem Mann, in dem es schlägt so viele so seltsame, schwermütige und trübe Empfindungen gab: sich frei machen von einer gescheiterten Liebe. Es hatte die Macht und hier war die Möglichkeit es zu verwirklichen und auch der Mächtige war schwach in der Trunkenheit.
„Wirf!“, schreit schrill das Herz, so dass Haut, Haare, Nase und Bauch erblassen.
Zitternde Hände, treue Diener, ewige Untergebene des unschlüssigen Herzens. Lieb sind sie und weinen, beugen sich über das Brückengeländer und halten die Worte fest.
„Wirf!“ Langsam entgleitet den Guten das Zettelchen, die Liebe und der Glaube, das Ewige.

Wie soll ich es sagen. Es ist furchtbar traurig. Sie sahen das Mädchen wieder und eine Weile schauten Haut, Haare, Nase und Bauch vorwurfsvoll auf das mutige Herz. Es schämte sich, als wenn die Eltern einen Abend aus waren und es in Leichtsinn das zu Hause verwüstet hätte. Das Hirn wusste nichts von der Debatte, es denkt bist heute, dass es einfach sagte: Wirf!, und der Zettel glitt aus den fügsamen Händen. Wenig wusste es, das Hirn.
Die Hände aber, können ihr bis heute nicht in die Augen schauen. Ihr Herz wunderte sich sehr über die plötzliche Schüchternheit seiner Hände, aber dachte an ein Missverständnis, an eine einfache Verstimmung.
Einen nebligen Karfreitag aber, nahmen seine Hände ihre und erzählten in hingebungsvoller Ehrlichkeit die Geschichte dieser Nacht, dass sie schwach seien, sie so sehr liebten aber das nichts bedeute, weil sie niemals gewinnen könnten. Nun schreiben wir, ihre kleinen Hände, dies hier nieder und sind dankbar für die Ehrlichkeit unserer lieben Freunde und sehen in der Gram der beiden Schönen, das Stärkste und Wertvollste, was der ewig Einsame, der sie durch den Tag trägt, jemals haben kann.



Mittwoch, 14. März 2012
Bühnenbretter
Wenn das Knarren der Bühnenbretter erklingt, kann das ganz unterschiedliche Ursachen haben. Zum einen, kann es eine verschmitzte Szene sein, mit Stille hinterlegt, die die Zuschauer zum Schmunzeln bringt. Zum anderen, und das stellt sich meist keiner darunter vor, kann es sein, dass ein Schauspieler nach einer famosen Premiere allein über die schummrige Bühne wandelt. Nachdenkt über sich und das Stück. Das Theater und sein Leben. Vielleicht das erste Mal. Nehmen wir an es wäre das erste Mal.
Was würde er denken, der erfolgreiche Schauspieler, könnte ihm etwas fehlen, was könnte ihm fehlen? Wie könnte das Leben so eines Menschen aussehen?
Zuerst einmal würde das Feuer nachbrennen. Auch wenn unser Schauspieler, unser Entführer in eine andere Welt, allein in einem riesigen menschenleeren, dunklen Raum auf und ab geht, brennt in ihm die Aufregung der ersten, gelungenen Aufführung nach. Ihm ist hell, ihm ist gut. Ein leichtes Grinsen zeichnet sich auf seinem Gesicht. Er denkt an eine bestimmte Szene, die ihm besonders gut gelungen ist.

Er ist einer der meist geschätzten deutschen Schauspieler seiner Generation und alles war ein bisschen Glück und sein Verdienst. Und genau in diesem Moment passiert, was an irgendeinem Punkt immer passiert: er kommt in die Welt. Sein Blick ist nicht innen, sonder nach außen gewandt. Es ist dunkel. Menschenleer. Still. Sogar wenn er steht, knarren die Bretter, als wollen sie ihm sanft, fast zärtlich auf die Schulter klopfen und sagen, egal was für Gedanken kommen mögen, es ist gut so und wir sind da, wir sind sanft. Er hätte seinen Stolz und sein Glücksgefühl ewig halten können, wenn er nur nicht gesehen hätte. Ruhig. So ruhig. Und da war sie wieder. Die Entscheidung vor vielen Jahren. Die, die ihn zu so einem guten Künstler gemacht hatte. Zu einem Vorbild und einem Helfer. Ein Helfer, der Niemandem die Hand geben konnte, sondern nur eine Illusion. Er richtete sich auf und ging ein paar schnelle Schritte Richtung Bühnenausgang. Was würde er jetzt tun? Er würde Sekt trinken, vielleicht Bier oder Schnaps. Er würde trinken. Er würde den Blick mit Gewalt nach innen richten. Wann hatte er sich das letzte Mal dem Blick nach außen gestellt, dem Menschsein, der wahren Welt, der Einsamkeit. Da war sie wieder. „Menschsein ist Einsamsein“. War er nicht mal ein junger Mann gewesen, der sich Schmerz stellte, der Erinnerungen und Einsamkeit fokussierte, bis sie sich in einer Gesamtheit von menschlichem Sein auflösten? Hatte es nicht funktioniert? Wo war er jetzt? Knapp vierzig. Kein ehrliches Glück, kein ehrlicher Stolz, aber das, was er immer wollte: Erfolg. Mit Gewalt und trauriger Liebe, drängte sich seine einst junge, liebevolle Seele nach außen und schloss langsam und besonnen die Tür,zur Premierenfeier und seiner wohl verdienten Bestätigung. Einen kleinen Moment stand er da und wunderte sich über das, was in ihm war. Er kam sich so jung vor. Es war fast wie eine Zeitreise. Er nahm die Stille auf und das Knarren der geliebten Bretter, die auch jetzt nichts von ihrer Fürsorglichkeit verloren hatten. Sie waren damals auch da gewesen, an dem Tag, an dem er sich entschied. Liebe oder Selbst. Mittlerweile war ihm klar, dass man sich für wahre, ehrliche Liebe ein Stück aufgeben musste. Es war aber nichts schlechtes, es war wie eine Investition in Glückseligkeit, die ehrlich und bedingungslos geschehen musste. Mit der Feststellung, die er immer schon getätigt hatte, seit seinem ersten Mädchen, dass man sich für Liebe ein Stück aufgeben musste, war es unrein und nicht mehr geeignet für wahre Liebe, die Aufgabe, die Ahnung. Einen Augenblick hatte er das Gefühl, alles wäre so wie damals: die Premiere, die Feier hinter der Bühne, der Abschluss, die Bretter, die Stille… Schmerzlich wurde ihm bewusst, dass sie nicht mehr da war. Alles was ihn einen Augenblick jung gehalten hatte, seine Seele zufrieden stimmte und ausatmen ließ, war die Erinnerung an sie. Hätte er sich damals umgedreht, würde sie da stehen. Lächeln im Dunkel des ausklingenden Stückes. Sie hätte ein buntes Blumenkleid und keine Schuhe an. Dann würde sie langsam, mit einer Narzisse und diesem wunderbaren liebenden Lächeln auf ihn zukommen und er wäre für einen Augenblick der glücklichste Mensch auf der Welt. Wenn 15 Jahre nicht vergangen wären, würde sie hier vor ihm stehen, ihm diese Blume geben (die nun wirklich nichts für alles konnte, ihr Kind für diesen Moment gegeben hatte als Investition in die Glückseligkeit) und ihm ins Ohr flüstern, dass sie ihn liebe und heiraten möchte. Wie ein Messer drehte sich die Erinnerung an seine Reaktion in seinem Herzen um. Ihm begannen unweigerlich alle Tränen der letzten Jahre über die Wangen zu laufen. Einen kurzen Moment dachte er daran, wie unangenehm es ihm wäre, wenn einer seiner Kollegen ihn jetzt hier, SO, finden würde. Es wäre egal. Er sank auf die Knie, legte den Kopf auf seine Bretter, die ihn liebevoll und ehrlich umarmten und weinte. Er hatte ihr gesagt, es sei sein Moment und warum sie nie an ihn denken würde. Warum sie den Abend und alles was mit dem Schauspiel zu tun hatte, mit sich messen müsse. Sie war verletzt und weinte. Er war wütend gewesen, so wütend wie noch nie in seinem Leben. Er fühlte damals so glaubwürdig, dass sie diesen Moment in dem er der glücklichste Mensch der Welt war, für ihre Bindung an ihn, seine an sie, ausnutze. Und dafür hasste er sie einen kurzen Moment, der reichte um sich auf einen Weg zu begeben, den er nie wieder verlassen können würde. Aber nun, in der Gegenwart, so viele Jahre später, fühlte er nichts mehr von der Wut, nichts war da, nur noch Liebe und Schmerz. Der grausame Schmerz unerfüllbarer Sehnsucht. Er hatte das wahrhaftige Bedürfnis von den Brettern, die bei jedem Krampf den er in sich spürte, der immer mehr Tränen herausdrückte, ein leises Knarren von sich gaben, das sich wie ein Bedauern seiner Situation anhörte, in den Arm genommen zu werden. Es war vorbei. Sein Leben.



Nachhauseweg
Abends durch die Regenluft
Sinnbedacht gegangen,
Dankbar für den Sommerkuss,
Auf taggewärmte Wangen.

Abends unterm Wolkenspiel,
Sorgenfrei spaziert,
Dankbar für die schöne Welt,
Die meinen Geist so ziert.

Abends durch den milden Duft,
Von nassgetropften Veilchen,
Dankbar, dass ich bis nach Haus
Noch brauch ein kleines Weilchen.

Abends unterm Sternenhimmel,
Klar und wunderschön,
Dankbar für den Seelensegen,
Nicht alles zu verstehn.

Des Nachts, wenn alles still und leise,
In sich selbst zur Ruhe geht,
Des Nachts wenn Taggedanken werden
Vom Traumgeist schleichend weggeweht:

Dankbar für die zarte Weise,
Deiner wunderbaren Liebe,
Meines Herzens warmer Wille,
Dass sie ein Weilchen länger bliebe.



Zeitgeist
Ist es schwer ein Mensch zu sein? Sind Worte wichtig? Wenn Worte nicht wichtig sind, was ist dann wichtig? Vielleicht das Verhalten. Steht nicht vor jedem Verhalten der Gedanke, oder sollte er es, und ist ein Gedanke nicht ein unausgesprochenes Wort? Steht nicht vor dem Handeln das Wort? „Achte auf deine Worte, denn sie werden Taten.“ Vielleicht ist das Wort, das liebe Wort, wichtiger denn je, vielleicht bedeutet es etwas, wenn man bestimmte Dinge nicht sagen kann, wenn man versucht die Taten in den Vordergrund zu stellen. Vielleicht kann man den Mut für Gedanken und Worte an einen entsprechenden Menschen nur aufbringen, wenn man etwas Bestimmtes fühlt. Eventuell ist es ja so, dass vor dem Wort das Gefühl steht, oder der Eindruck. Es folgt das Wort oder das gedachte Wort und ganz zum Schluss das allzu offensichtliche: die Tat, das Handeln, der Kuss, der Sex. Es könnte sogar sein, dass es gar nicht so unangebracht ist, für Glückseligkeit, mehr zu fühlen, mehr zu reden und nicht so viel zu handeln. Vielleicht macht man einen Menschen glücklicher, wenn man sagt: ich liebe dich. als ihn zu küssen, mit ihm zu schlafen oder nur mit ihm zu schlafen, ihm treu zu sein. Ich will nur sagen, vielleicht ist es manchmal gut alles umzudrehen und die allzu alltäglichen Schlussfolgerungen zu hinterfragen und sich die Mühe zu machen, handle es sich um noch so diffuse Zusammenhänge, alles nochmal auf den Anfang zurückzudenken.



Dienstag, 13. März 2012
Eine andere Welt.
Die Gegenwart ist manchmal so unglaublich schwer zu fassen. Nicht nur ein Moment an sich, der so vielschichtig sein kann, ein Gefühl, dass in seiner Essenz einfach nicht zu erklären ist, nein auch kleine, für uns selbstverständliche Dinge und Wege sind in vielen Fällen unergründlich. Warum denke ich an das, an das ich denke? Warum liebe ich diesen oder jenen Menschen? Warum bin ich jetzt melancholisch oder warum bin ich es nicht, was ist normal und gibt es normal? Welche von den Dingen, in die wir hineingewachsen sind, die unsere Existenz und unsere Identität, unser Selbstverständnis ausmachen, sind vielleicht gar nicht so durchdacht und festgelegt wie sie scheinen und könnten sehr viel optimaler für den jeweiligen Menschen, für die jeweilige Liebe beschaffen sein? Wo liegt unsere Freiheit, wo unsere Macht und wie viel davon haben wir? Das menschliche Gehirn eröffnet uns als das selbstreferentielle System, das es ist, in jedem Fall Möglichkeiten, die vielleicht gar nicht so einfach greifbar sind. Wir können unsere Stellung in einem bestimmten System bestimmen bzw. einordnen und noch mehr: unser Gehirn als eigenes System, kann sich selbst als dieses System analysieren und bewerten. Unser intellektueller Blick reicht also über die Grenzen der Strukturen in denen wir uns bewegen, ja, die wir sind! In der Möglichkeit dieses geistigen Blickwinkels liegen unendliche Freiheit und Macht über unser eigenes Dasein: in ihm liegt Selbstbestimmtheit.
Also, wie kam es zum Beispiel zu einer bestimmten Situation in dem Leben eines speziellen Menschen? Die Antwort ist nicht nur manches Mal, sondern in sehr vielen Fällen unmöglich. Viel zu komplex sind die Menschen und die Welt. Viel zu sehr scheint alles voneinander abzuhängen. Und viel zu selten versucht man wirklich zu verstehen warum man handelt, wie man handelt und wie es kommt, dass eine bestimmte Situation genau so zustande gekommen ist, wie sie eben ist. Nun ist es vielleicht unmöglich, aber sehr reizvoll zu versuchen genau dies zu ergründen. Es ist einfach selbstverständlich, dass man handelt, es erscheint vielen Menschen sogar unmöglich nicht zu handeln, sich an keinen Charakter gebunden zu fühlen. Es kommt ihnen nicht in den Kopf eventuell etwas zu sein, was nicht an die eigene Physiologie gebunden ist, nicht einer, auf früheren Ereignissen basierenden, Logik anschließt. Ich zum Beispiel denke gerade an „Fänger im Roggen“ von Salinger. Einfach so, keine Ahnung warum. Die meisten würden nun sagen ich denke an das Buch, weil ein bestimmter Zusammenhang, wahrscheinlich eine Gedankenstruktur, die zu diesem Text geführt hat, mich an einen ähnlichen, wie auch immer gearteten Zusammenhang in Salingers Werk erinnert hat. Was, wenn das nicht wahr ist. Wenn etwas Ganzheitliches, etwas, wofür wir keine Worte haben, was man wissen muss und soviel möglich macht, eine Liebe zu genau diesem Moment mit einem bestimmten Gefühl, eine Freiheit (!), mich zu einer nur einen Augenblick bestehenden Existenz geführt hat. Was, wenn wir nicht an Früheres gebunden sind, wenn wir jeden Tag neu sein können? Wenn wir jeden Moment eine Einheit mit jemandem sein können, ohne eine Vergangenheit und eine Zukunft, dann können wir es ganz sein. Ohne Ballast, ohne Forderungen, ohne Schuld, ohne das, was ein Menschenleben nach unserem westlichen Verständnis ausmacht: eine Chronik, eine Logik, ein Sinn. Ist es nicht anmaßend einem Körper einen Sinn aufhalsen zu wollen, wer sagt, dass es selbstverständlich ist und vor allem wahr? Vielleicht ist unser Körper eine zärtliche, zerbrechliche Chance Weltliches zu erfahren, aber keines Falles eine Forderung an uns, ein Mittel zum Sinn. Wir könnten so viel freier sein, soviel weniger wollen. So viele Probleme, die für viele im Gedankenexperiment entstehen würden, wenn alle Menschen das beschriebene Weltbild hätten, (eben keines!), würden gar nicht da sein. Es gäbe keine Probleme ohne Vergangenheit! Die Welt wäre ein einziges Verzeihen, Vergessen, Lieben und Leben. Es würde keinen Sinn machen zu fordern, zu töten, zu betrügen, zu beschuldigen. Es würde keinen Sinn und keine Suche danach geben. Wir wären unabhängig, unser Geist, eins mit dem Leben, mit der Welt, mit der Schönheit, mit der Traurigkeit eines Augenblickes. Jeden Moment hätte die Liebe ein neues zu Hause und eine neue Chance und vielleicht würde sie länger an einem Ort, in einer Verbindung, verweilen und vielleicht würde sie gehen, oder weiterreisen.

Viel zu oft machen wir Fehler, die aus Angst geschehen. Angst, die aus der Vergangenheit resultiert. Wir tun Unrecht, von dem wir uns lösen sollten. Eine Vergangenheit, die nicht ihre dunklen Finger in die Gegenwart strecken, sie nicht mehr schwarz färben, nicht mehr mit Sorgen und Bedenken erfüllen soll. Vielleicht sollten wir den Augenblick nehmen wie er ist, uns auf ihn einlassen, ihn ein- und eben auch wieder ausatmen, loslassen. Was vorbei ist, ist vorbei. Ich für meinen Teil, möchte die Gegenwart unabhängig von der Zukunft machen, mich unabhängig machen von etwas, was sich durch mein ganzen Leben gezogen hat, etwas wie Charakter. Ich möchte frei sein und meiner Liebe und meinen Augen die Möglichkeit geben ebenso frei zu sein, sich niederzulassen, wo sie mögen. Ganz wonach ihnen der Sinn steht. Jeden Moment, wie der Wind weht. Ich möchte in einer Welt leben, in der Opportunismus unmöglich ist, in der Angst und Besitz keinen Sinn macht. Wie gut würde es der Welt gehen, wie friedlich und gutmütig wäre alles. Es ist schwer vorstellbar, aber es ist eine Möglichkeit.



Blauer Spatz und sein kleiner Freund
Ich will etwas schreiben. Dabei geht es nicht darum, dass jemand diese Zeilen liest. Ich will nichts dokumentieren. Ich will keinen Ruhm und keine Kritik. Es geht mir ganz allein um diesen Moment und diese Worte. Im Hintergrund geht an meinem Rechner Rom unter. Ganz nah bei mir brennen zwei Kerzen, so dass sie das sich füllende bräunliche Blatt erhellen. Keine Wolken. Kein Mond. Es ist Nacht. Ich denke an einen kleinen blauen Spatz (ich weiß, Spatzen sind nicht blau) von dem ich gestern Nacht geträumt habe. Er hatte einen kleineren Freund, ich glaube auch ein Spatz. Es war ein großes Zimmer mit vielen Fenstern und viel Licht. Ich bin so beruhigt, dass diese Worte zusammenfinden. Eins zum Anderen. Eine kleine Geschichte. Eine Krankheit. Eine Welt. Eine Seele. Alles in diesen Zeilen. Es rührt mich zu Tränen. Dieser blaue Spatz und sein kleiner brauner, eher ockerfarbener, Freund (Die Erde hält mich fest, zieht an mir, liebt und beschützt mich- gerade jetzt- jeden von uns. Ja, vielleicht ist sie unsere Mutter. Eine großzügige, freundliche und geduldige Mutter, voller Liebe, die uns alles gibt, was sie hat.), also die beiden Spatzen, sie waren eingesperrt in einem schwarzen Hamsterkäfig mit Späne ausgelegt. Ich sollte auf die beiden aufpassen. Keiner hat es mir aufgetragen. Es waren nicht meine Spatzen. Ich kannte ja nicht einmal den Raum. Ich wußte einfach, ich wollte auf sie achten. Der blaue Spatz, das Spätzchen, seine Federn haben geglitzert und geschimmert. Er hat mich angeschaut aus diesem Käfig, in diesem weißen Raum mit den vielen Fenstern. Er war ganz still, hielt inne, ungewöhnlich für einen Spatz, der ja bekanntlich so ein jagendes Herzchen hat, er hielt inne, neigte seinen Kopf und schaute mich aus seinen schwarzen, tiefen Knopfaugen an: so freundlich, ich kann es nicht sagen, so gut, so ganz und gar selig und ohne jede Forderung, ohne Sinn, wie nichts anderes. Im nächsten Moment fiel ein schwerer Schrank auf den Käfig und ich war voller Sorge um die Spätzchen, für die ich doch sorgen wollte. Ich öffnete in meiner Verzweiflung die Käfigtüren und beide flogen (Gott sei Dank, sie flogen) aus der offenen Terrassentür. Mich überfiel das beengende Gefühl, dass die beiden Vögel hätten in dem Käfig bleiben sollen und mir viel nichts besseres ein, als sie zu rufen: Hey ihr Beiden, kommt doch bitte wieder zurück. Der Blaue kam zuerst, danach der Kleinere. Sie wollten nicht in den Käfig, ich musste sie etwas drängen. Vorsichtig. Dann saßen sie wieder in dem beschädigten Gefängnis und ich spürte, dass es nicht Recht war. Ich musste die Türen öffnen. Ich musste sie gehen lassen. Ja, und kaum hatte ich die Türen geöffnet, flogen sie auch davon. Der kleine ockerfarbene Spatz, der nicht viel gesagt hatte, und der schillernde Blaue. Sie flogen heraus und kamen wieder um dann ganz davonzufliegen. Ich wusste aber, ich glaubte vielmehr, sie würden wiederkommen um uns zu besuchen.
Jetzt weiß ich, das Spätzchen, das Gute, war Meer und Ozean, warm und kalt, Erde, Feuer, Liebe, Tod. Es war Freundschaft und Licht, die rührende Sonne und ein in ihrem Licht funkelndes Springfischlein im Amazonas. Ja, es war Fluß und Leid, Musik, Mensch und Tier - es war die große, unfassbare Weltenseele, es war das, was ist, es war diese Zeilen, das woher wir kommen und wohin wir gehen und es rührt mich, dass es gut ist und nicht verlangt, dass es blau ist und glitzert, so unglaublich mächtig, gleichwohl so zart und dass es mich einen Moment angeschaut hat - Bewusstsein, Meditation. Und ich bin froh, dass ich es gehen lies, sonst wäre ich kein Teil mehr von ihm, von uns, keine Liebe und kein Licht. Aber ich weiß jetzt, ich kann verkünden: wir sind Gott, der Moment ist Gott, Gott ist überall und Gott ist gut. Das, was ist, ist unergründlich, ganz und gar wunderbar. Und es wäre nicht, ohne dich.



Erwischt
Wir haben uns hier versammelt um den Abschied zu feiern. Jetzt stehe ich hier... ganz allein... und irgendwie gefällt es mir. Sicherlich, es hätte besser laufen können, aber nun steh ich hier und das ist gut so. Ich denke so sollten wir es nehmen. Wie es kommt eben. Ihr sitzt dort... ich stehe hier und nun zum Anlass: wir wollen uns verabschieden. Aber bevor wir zusammen zu singen anfangen, möchte ich noch eine kleine Geschichte erzählen, die uns vielleicht ein wenig einstimmt auf das was kommt, uns ein wenig die Augen, das Herz öffnet und die vielleicht macht, dass wir besser singen... später. So aus voller Seele eben.

Oh! Ich habe eine Engelseele gesehen. Ja und als ich sie sah, so rein, so unschuldig, Sternenglanz und Zauberkraft! , schrecklich, alles in einem.. da, als ich sie sah also, da wusste ich sofort was er meinte, der Dostojewski: Engelseele. Das hat er immer gesagt, besser: geschrieben. Geschrieben hat er es: Engelseele. Wie schön das von der Zunge geht: Eengööölseehlä. Manches kurz, manches lang. Sie war es. Ich fuhr Richtung Wien. Hehe. Das sag ich immer so. Eigentlich fuhr ich vom Alex Richtung Sonnenallee. Jaaa, das wisst ihr alle, wa? Sonnenallee. Ich bin ja gar nicht so alt. Letztendlich ging es auch gar nicht um diese Frau. Ich versuche strukturiert zu erzählen, damit ihr alle versteht wovon ich rede. Mir wurde gesagt man müsse strukturiert reden, sonst werden die anderen durcheinander. Die Frau, die Engelseele, so schön, die ist gestorben.. dann später.. und ich habe ihre Hand gehalten. Am Krankenbett. Ich habe gar nicht verstanden woran sie gestorben ist. Irgendeine Art von Keim, aber ist ja auch egal, denn sie ist gestorben und nur darum ging es ja. Wäre sie nicht gestorben, wäre es vielleicht auch interessant gewesen, warum sie nicht gestorben wäre und an welchen Keim sie nicht gestorben wäre. Die Frau ist gestorben aber eigentlich will ich auf etwas anderes hinaus. Vielleicht auch nicht. Aber sie, sie hieß Nadja übrigens, sie hatte einen Hund. Immer bei sich. Und solange sie lebte, glaubte ich, dass sie den Hund liebte. Es war eine Hündin. Sie hieß Mia. Mia die kleine Hündin. Oh sie war so lieb und ich könnte es keinem vergönnen sie zu lieben. Zuerst aber, ist mir das gar nicht aufgefallen. Mir ist nicht aufgefallen, wie lieb Mia ist und wie unvorstellbar selig. Ich sah nur Nadja und dachte sie liebt Mia aber es sollte sich herausstellen, dass Nadja niemanden liebt und Mia alle. Ich habe an dem Tag in der Bahn gesessen ohne Fahrschein und wurde auch erwischt. Der Kontrolleur war furchtbar wütend, als ich ihn bemerkte. Er behauptete er würde schon stundenlang auf mich einreden, was ja völliger Quatsch war, denn ich fuhr erst zehn Minuten Bahn. Ich habe das Geld bis heute nicht bezahlt, aber irgendwann zahle ich es. Ich sah nur Nadja an. Blonde Locken. Einen dicken Pelzmantel hatte sie an und eine braune Mütze. Ich denke, dass der Pelz gefälscht war, sie hatte ja gar kein Geld. Nur viele Freunde. Aber mittlerweile bezweifle ich auch das. Ich habe nämlich gelernt, dass Worte wichtig sind und dass es gar nicht mal so egal ist, ob man Freund sagt oder nicht. Schau mal du, bist du mein Freund? Traust du dich jetzt nicht ja.... , oder nicht nein zu sagen? Das ist auch nicht unwichtig. Ja ich glaube, wie wäre es bei mir? Ich würde mich nicht trauen nein zu sagen. Und seht ihr, das ist der Unterschied: Nadja, die hätte Angst gehabt ja zu sagen. Und Mia, hätte Angst gehabt nein zu sagen. Aber auch Mia hätte gewusst, dass man manchmal nein sagen muss. Einfach um die Worte zu beschützen. Wenn sie nicht mehr da sind, dann passieren furchtbare Kriege. Das habe ich gelernt und das hat auch viel mit Nadjas Tod zu tun, denn ich habe nicht anders können, als nachzudenken, als sie fort war. Für immer. Wir waren im Krankenhaus und irgendwie war klar, dass es nicht mehr lange dauert. Sie war dünn, ganz furchtbar blass und hatte niemanden. Ich war da. Mia lag am Bettende. Sie war weiß. Und hatte Locken und sagte kein Wort. Nadja hat ganz schwer geatmet und ihre Hände, sie hielt meine, ja sie meine ich nicht ihre, das ist auch wichtig, ja und ihre Hände: die waren furchterregend kalt. So als wären sie schon weg. So eiskalt, wie tot. Wenn etwas tot ist wird es ausgefressen. Aber Mia zum Beispiel, die wird nicht aufgefressen. Die wird wunderbar schweben. Und ganz laut lachen. Endlich, wo sie doch so lange nichts gesagt hat. Dann, als Nadjas Tod immer näher kam (ich saß die ganze Zeit dort und wartete darauf), hatte sie Angst denke ich. Es tat mir leid irgendwie. Ich möchte ja nicht, dass jemand stirbt, der nicht sterben will. Oh je, ich habe mich schrecklich gefühlt und dann musste ich weinen. In einem Ausmaß, dass sich das hier vielleicht nicht einmal jeder vorstellen kann.
Einmal hab ich Nadja zum Kuchen essen eingeladen. Später erzählte sie mir, dass sie es komisch fand, dass ich nur ein Stück Kuchen holte und keinen Kaffee und noch nicht einmal zwei Stücken Kuchen. Sie hat gesagt: nicht einmal. Das wiederum, fand ich komisch. Manchmal hatte ich das Gefühl irgendetwas stimmt nicht mit ihr. Ich meine, wir haben uns schon oft gesehen. Ich glaube im Endeffekt hat sie mich am meisten gesehen in ihrem letzten Lebensmonat. Sie hat mich nicht oft gesehen, aber sie hat meist Leute auch nicht oft nochmal getroffen. Also selten nochmal getroffen. Mich aber, hat sie öfters nochmal getroffen und das heißt sie hat wohl mit mir am meisten Zeit verbracht seit dem Tag in der Bahn, an dem ich beim Fahren ohne Ticket erwischt wurde. Nadja hatte furchtbar viele Parfums.
Als ich da saß und weinte an dem letzten Tag, an dem Nadja lebte (das war sogar die letzte Minute), da schaut sie mich an und lächelt und ich denke: gut, sie ist vielleicht doch nicht so traurig, dass sie sterben muss. Sie schaut mich an und lächelt und sagt: „na wenigstens einer, der heult, weil ich sterben muss.“ Und da wurde mir etwas klar: Nadja hatte gar keine Angst zu sterben. Sie hatte sich selbst nicht gefunden. Sie hatte nie verstanden, was Mia verstanden hatte. Nadja hatte nie geliebt. Und da starb sie dann. Und Mia gleich mit. Lag am Bettende und war tot. Natürlich weiß niemand, wann Mia gestorben ist. Sie war aber tot, als Nadja tot war. Und das war wirklich, wirklich traurig. Warum nur musste Mia Nadja lieben. Hätte sie mich geliebt, sie wäre noch am Leben. Ist das nicht furchtbar traurig. Wenn man wirklich lieben kann, zärtlich und rein, vielleicht hängt man dann gar nicht so am Leben. Vielleicht, wenn man feststellt, dass man liebt, vielleicht stirbt man dann ja, weil was soll man dann noch mit Kaffee und Kuchen anfangen. Eine seltsame Geschichte. Aber es kam noch etwas seltsamer. Ich sollte Nadjas Sachen aus ihrer Wohnung abholen, dabei war ich ja noch niemals zuvor dort gewesen. Und außerdem kannte ich sie nur einen Monat. Hatte sie denn keinen Vater und keine Mutter gehabt? Oma oder Geschwister? So was ist doch immer irgendwo aufgeschrieben. Mein Boss wusste auch gleich, dass mein Vater im Knast ist. Ich bin also in ihre Wohnung gegangen und dort hab ich alles stehen lassen außer zwei Kleinigkeiten, die einfach zu wundervoll waren. Vor dem Fenster, kaum zu sehen, stand ein unglaublich kleiner blauer Spielautomat. So toll! Den hab ich mitgenommen. Die Wohnung war im Übrigen sehr klein, hat stark nach Parfum gerochen und war daneben voller Kram. Alles Mögliche. Sofas. Fernseher. Viel zu viele Tassen und Teller. Tische aufeinander. Nur ein Bett aber mit viel zu vielen Decken, aber sehr bunt. Man konnte kaum den Boden sehen, der sehr schön war, nämlich aus altem Holz. Und dann hab ich noch etwas mitgenommen: ein kleines Kissen mit einem bestimmten Motiv. Da war eine Frau, sehr schön und ich glaube auch sexy in, ich denke, einem kurzen Lederkleid in dieser Farbe, die die schönen Ozeane haben. Oder Meere, Ich denke ihr wisst schon. Zwischen himmelblau und ozeangrün. Und die hatte so ein Mützchen auf (hat sie übrigens immer noch, denn das Kissen sitzt auf einem meiner zwei Küchenstühle, seitdem ich es mitgenommen habe) wie die Kellnerinnen in den 50er Jahre in so Rockcafe´s. So sah das Minikleid auch aus und ein bisschen weiß war dran. Sie steht vor einem Delorean. Und das fand ich ziemlich cool. So cool eben, dass ich das Kissen mitgenommen hab. Und sie schaut so nett.
Ich bin fertig mit erzählen. Und nun wisst ihr sicherlich auch, wovon wir uns heute verabschieden und vielleicht auch was wir in etwa singen wollen.
Wir sollen nicht erwarten und fordern, sondern leben und lieben. Also verabschieden wir uns, von dem was war, wie wir waren und deshalb sein sollen in der Zeit, die kommt. Ich meine, ich weiß nicht ob ihr versteht, aber Nadja hat einfach alles falsch gemacht glaube ich. Sonst hätte sie doch nicht so viele Sachen in ihrer Wohnung gehabt. Mia hatte immer nur sich selbst dabei. Wir Mia müssten wir sein und nun verabschieden wir uns davon, dass wir irgendetwas werden müssen, denn alles was wirklich da sein kann, und auch irgendwie bewiesen ist und jeder verstehen kann ist jetzt. Hehe. Egal, wir singen jetzt. Also ich zumindest und wenn ihr verstanden habt, was ich verstanden habt, ihr wohl auch.

Froh zu sein bedarf es wenig..



Flugstunde
Frankfurter Flughafen. Untragbare Missstände. Das Bodenpersonal streikt. Sie fordern: mehr Geld, weniger Arbeit. In Afrika sterben Kinder an Polio. Es gibt einen recht billigen Impfstoff gegen Polio. In Afrika sterben Kinder an Aids. Hier werden HIV-Positive Menschen um die 50 Jahre alt. Das liegt daran, dass die Menschen hier Medikamente bekommen, die die Afrikaner nicht bekommen. Aber genug davon. Das Bodenpersonal am Frankfurter Flughafen streikt. Der Flugverkehr liegt lahm. Die Lotsen streiken. Verdi sagt, sie wollen mehr Geld, weniger Arbeit. Rund 8500 Euro jeden Monat bei 25 Stunden Arbeit in der Woche. Fluglotsen tragen wahnsinnig viel Verantwortung und müssen sich uneingeschränkt konzentrieren. Sie sollten nicht so viel arbeiten, wie Menschen, die sich nicht uneingeschränkt konzentrieren müssen.

Bernd arbeitet in der Gepäckabfertigung. 2500 Euro jeden Monat bei 40 Stunden Arbeit pro Woche. Bernd und seine Kollegen haben nicht viel Verantwortung. In der Regel hängen keine Menschenleben an ihren Entscheidungen. Bernd und seine Kollegen streiken für mehr Geld und weniger Arbeitszeit. Der Frankfurter Flughafen hat 1900 Fluglotsen. Einer davon, Maik, ist Bernds langjähriger Freund. Sie kennen sich seit der Schulzeit. Das Schicksal fügte, dass die Möglichkeit besteht ab und zu zusammen Mittag zu essen. Einige von Maiks Kollegen erkennt Bernd während der Demonstration. Aber er kann Maik nicht finden. Maik und er hatten sich das vergangene Wochenende getroffen und ein paar Bier zu viel getrunken. In jedem Fall fühlte es sich für Bernd am Tag nach dem putativen Besäufnis nach ZU VIEL an. An dem Abend in der Kneipe fing Maik nach dem siebten Bier plötzlich an völlig wirres Zeug zu reden. Zumindest in Bernds Augen war das wirr. Er faselte etwas von Besitz und wie anmaßend es wäre Papier sein eigen zu nennen.

„Papier? Wieso Papier?“

„Na ich mein“, lallte Maik, „zu dem Papier gehört ein Baum. Aber auch wenn er nicht dazu gehören würde, könnte man doch nicht einfach behaupten, nur weil man drei Groschen gezahlt hat, dass einem auf einmal 500 Blatt Papier gehören. Was hat denn das miteinander zu tun??“

„Was redest du denn da?“

„Überleg doch mal wie absurd das ist, wenn Menschen auf einem Stück Land Häuser bauen und dann nach entsprechender Zahlung einen größeren oder weniger größeren Bereich um das Haus einzäunen. Und dann auf einmal gehört ihnen das Stück Erde. Du zahlst und auf einmal besitzt du etwas und kein anderer hat Anspruch, egal wie nötig es für sein persönliches Glück ist, den Gegenstand zu benützen oder das Stück Land zu betreten. Kein fremder Hund oder Maulwurf darf sich dann auf deinem Land rumtreiben! Du kaufst einen Brunnen und hättest das Recht die anderen verdursten zu lassen. Aber das hat ja noch nicht einmal etwas mit der Grundabsurdität von Besitz zu tun. Haha! Überleg dir das doch mal: wenn man das zu Ende denkt, musst du nur genug Kohle haben und du kannst die ganze Erde kaufen. Da brauchste dann noch nicht mal mehr einen Zaun! Haha. Und was machste dann mit den anderen Menschen. Dann gehört DIR ja die Erde. Zum Mond schicken? Aber wer soll dann die Geräte bedienen, die die Menschen zum Mond schießt, wenn einem allein die Erde gehört? Dazu brauch man ja Fachmänner! Haha!“

Er schüttelte den Kopf. Bernd tat es ihm gleich, nur aus einem völlig anderen Beweggrund. Da saßen sie und schüttelten die Köpfe.

Plötzlich ganz ernst, sagte Maik zu Bernd, während er nach Geld kramte um die Bier zu zahlen:

„Ich weiß, dass du kein Wort verstehst, aber eins will ich noch sagen: die Logik unserer Art erlaubt vielleicht, dass einer von uns die ganze Erde kauft, sie schließt gleichzeitig aber auch aus, dass ein Mensch allein die Welt besitzt. In diesem Punkt sehe ich Hoffnung.“

Damit stand er auf und ging. Bernd war völlig verwirrt, machte sich über die Essenz von Maiks Worten aber auch nicht länger Gedanken. Er fand es eher amüsant, dass Maik so ein Midlife – Crisis – Ding durchmachte, seitdem seine Frau Nele ihn für einen Künstler verlassen hatte und das Gericht ihn letzten Donnerstag auch noch verdonnerte jeden Monat 1.1 kiloEuro (wie Maik immer sagte um es weniger erscheinen zu lassen) an die Ex – Liebste zu zahlen.

Maik ist nicht zu finden. Mittlerweile sind fast alle seiner Kollegen auf der Landebahn erschienen. Er nicht. Einer meint er hätte ihn heute Morgen schon gesehen, seit aber der Streikaufruf war, wäre er mit zwei anderen verschollen gewesen: Luisa und Kalle. Bernd findet das seltsam. Er fängt an sich Sorgen zu machen, dass die drei irgendwas Krasses planen: den Flughafen in die Luft jagen oder eine Boeing klauen. Das wären auf jeden Fall die Richtigen dafür, denkt Bernd.

Nach weiteren 30 Minuten startet Bernd einen erneuten Versuch Maik zu finden und geht in den Tower. Er findet einen Zettel.

- Passen auf die Demenzgruppe der Frankfurter Diakonie auf. Brauchen nicht mehr Geld und zu viel arbeiten tun wir auch nicht. Sagt rechtzeitig Bescheid, bevor der Flugverkehr wieder aufgenommen wird. Hier Luisas Nummer… -